Vortragsreihe in Münster: Antisemitismus, Antizionismus und Nahostdiskurs

Kürzlich machte Günter Grass mit seinem “Israel-kritischen” Gedicht “Was Gesagt Werden Muss” Schlagzeilen. 2011 entfachte eine Debatte, ob nicht der Antiisraelismus in der Partei die Linke antisemitisch sei. Doch worin genau liegt der Unterschied zwischen Kritik israelischer Politik und antisemitischem Antizionismus? Die Veranstaltungsreihe hat zum Ziel, Probleme der Nahostsolidarität diskursiv aufzuarbeiten. Zu diesem Zweck kommen hochkarätige Referent_innen nach Münster: Thomas Haury arbeitet Zionismus und linken Antizionismus historisch auf. Juliane Wetzel stellt den Antisemitismusbericht, den Sie im Auftrag der Bundesregierung schrieb, vor. Mit Katharina König (MdL Thüringen, Die Linke) wird eine Politikerin über ihr Engagement gegen Antisemitismus berichten. Peter Ullrich wird erklären, warum er lieber von einer “Grauzone” als von Antisemitismus spricht. Olaf Kistenmacher stellt Überlegungen zu den Ursachen von linker Israelfeindschaft dar. *Ab dem 10.5. jeden zweiten Donnerstag.*

Stattfinden werden folgende Veranstaltungen:

Dr. Thomas Haury

Zionismus und Antizionismus. Von der Kritik zum Antisemitismus?

Do. 10.5., 18h, H4 (H-Gebäude)

Nach 1968 war nahezu die gesamte radikale Linke vereint in ihrer Feindschaft gegenüber Israel, die erste Tat des bundesdeutschen Linksterrorismus war 1969 eine Bombe in einem jüdischen Gemeindezentrum. Eine innerlinke Kritik des Antizionismus begann erst 20 Jahre später und dauert bis heute an. 2011 war die Linkspartei mit dem Vorwurf konfrontiert, sie akzeptiere mehrheitlich einen antisemitischen Antizionismus in ihren Reihen.

Doch worin genau liegt der qualitative Unterschied zwischen Kritik israelischer Politik und antisemitischem Antizionismus? Hier könnte ein Blick auf die Geschichte der Linken zur Klarheit beitragen, denn der Antizionismus ist keineswegs 1968 erfunden worden.

Vielmehr begann die linke Kritik des Zionismus schon vor 120 Jahren – sie ist so alt wie der Zionismus selbst. Und alsbald fanden sich in der Linken Prozionismus (Sozialistische Internationale), sympathisierende Kritik des Zionismus (Karl Kautsky) und strikter Antizionismus im Namen des Leninschen Anti-Imperialismus (Kommunistische Internationale). Letzterer allerdings war schon damals nicht nur blind für den Antisemitismus, sondern sollte sich alsbald als perfektes Vehikel für einen linken Antisemitismus erweisen.

Dr. Thomas Haury, Freiburg, ist Soziologe und Historiker.
Publikationen:
Antisemitismus von links. Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen DDR, Hamburg 2002
Antisemitismus in Karl Marx` Frühschrift „Zur Judenfrage?“ In: Helmut Lethen u. a. (Hg.): Der sich selbst entfremdete und wiedergefundene Marx, München 2010
„Das ist Völkermord!“ Das antifaschistische Deutschland im Kampf gegen den „imperialistischen Brückenkopf Israel“ und gegen die deutsche Vergangenheit. In: Brosch, Matthias u. a. (Hg.): Exklusive Solidarität. Linker Antisemitismus in Deutschland, Berlin 2007, S. 285-300

Dr. Juliane Wetzel

Antisemitismus in Deutschland

Vorstellung des Antisemitismusberichts 2012

Do. 24.5., 18h, H 4

Wie schlimm steht es wirklich um den Antisemitismus in unserer Gesellschaft? Dr. Juliane Wetzel vom Expertenkreis Antisemitismus hat im Auftrag des Bundestages und der Bundesregierung in einer dreijährigen Arbeit eine umfangreiche Bestandsaufnahme zum Antisemitismus erstellt. Der Bericht liefert Informationen über unterschiedliche Erscheinungsformen Thematisiert werden neben dem klassischen Antisemitismus von Rechts Judenfeindschaft in Kontext von Islamismus und Linksextremismus. Ebenso gibt der Bericht Aufschluss über den Gebrauch von antisemitischen Stereotypen in deutschen Medien.

Dr. Juliane Wetzel, seit 1996 wiss. Angestellte am Zentrum für Antisemitismusforschung, Berlin.
Geschäftsführende Redakteurin des Jahrbuchs für Antisemitismusforschung.
Mitglied Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research als Vorsitzende der Akademischen Arbeitsgruppe. Seit 2009 Koordinatorin des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus

>Katharina König

Der Nahe Osten und die Linke

Do. 7.6., 18h im Club Courage (Friedensstr. 42)

Als Nahostexpertin spricht König fließend Arabisch und kennt die Lage in Israel und Palästina. In Deutschland wird die Situation dort oft auf nur eine Konfliktlinie reduziert: Israelis gegen die Palästinenser. In der Partei DIE LINKE gehört König zu den lautstärksten Kritikerinnen Israel-feindlicher Positionen. Boykottkampagnen gegen Israel bezeichnete sie als “Antisemitismus, der an die NS-Parole “Kauft nicht bei Juden” erinnert.” Mittlerweile hat sich DIE LINKE von Boykott-kampagnen distanziert und mit Beate Klarsfeld eine pro-israelische Kandidatin als Bundespräsidentin vorgeschlagen. Sind nun damit Antisemitismusvorwürfe an die Partei hinfällig?

Katharina König, ist MdL Thüringen für Die Linke. Sie ist Expertin für Nahost, spricht fließend arabisch. Sogar in ihrer eigenen Partei engagiert sie sich stets lautstark gegen Antisemitismus. U. a. ist sie Mitinitiatorin einer öffentlichen Unterschriftenliste gegen den Israelboykott, der 2011 durch den Landesverband Bremen beworben wurde.

Dr. Dr. Peter Ullrich

Solidarität und Antisemitismus: das Konzept der Grauzone

Do. 21.6., 18h, H4 (H-Gebäude)

Immer wieder wird Linken, die sich im Kontext des Nahostkonflikts engagieren, vorgehalten, ihre Kritik an der israelischen Besatzung sei antisemitisch. Spiegelbildlich dazu wird gegenüber einer militanten Israel-Solidaritätsbewegung, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat, der Vorwurf eines antimuslimischen Rassismus geäußert. Was ist dran an diesen Vorwürfen? Wann kippt menschenrechtliches Engagement um? Welche Rolle spielt der spezifisch deutsche politische Kontext, welche die extremen Identifikationsprozesse?

Gegen eine eindeutige „Verortung“ des Engagements (einer Person, einer Kampagne, eines Protestereignisses) als antisemitisch sperrt sich häufig das deutliche Auseinanderfallen von Intention, Expressivität und Rezeption. Im Vortrag wird die Problematik aus einer wissenssoziologisch-diskurstheoretischen Perspektive analysiert und das Konzept der “Grauzone” entwickelt, in der eine Vielzahl problematischer Phänomene diskutiert und kritisiert gehören. In dieser bestehen auch diskursive Anschlüsse an Rassismus und insbesondere Antisemitismus. Die Beachtung einer Reihe von Kriterien kann für diese Anschlussmöglichkeiten sensibilisieren.

Peter Ullrich, Dr. phil. Dr. rer. med., ist Kulturwissenschaftler und Soziologe. Zur Zeit forscht er am Wissenschaftszentrum Berlin zu diskurs-, kultur- und gouvernementalitätstheoretischen Perspektiven auf soziale Bewegungen. Er hat mehrere Bücher zur Thematik veröffentlicht, u. a. “Begrenzter Universalismus. Sozialismus, Kommunismus, Arbeiter(innen)bewegung und ihr schwieriges Verhältnis zu Judentum und Nahostkonflikt” (Berlin 2007) und “Die Linke, Israel und Palästina. Nahostdiskurse in Großbritannien und Deutschland” (Berlin 2008).

Olaf Kistenmacher

Sekundärer Antisemitismus – ein Erklärungsansatz für Israel-Feindschaft in der Linken?

Do. 5.7., 18h, H4 (H-Gebäude)

Die Diskussion über Judenfeindschaft in der Linken ist 2011 wieder entflammt, diesmal in Bezug auf die Partei ‘Die Linke’. Ähnliche Debatten gab es bereits zuvor um Befreiungsnationalismus und Globalisierungskritik. Bis heute streitet man sowohl über die Anerkennung der Tatsache, dass es Judenfeindschaft in der politischen Linken gab und gibt, als auch über die verschiedenen Gründe dafür.

Der Vortrag wird drei Entwicklungsstränge beleuchten: erstens die Erinnerungs- oder Schuldabwehr, die die Frankfurter Schule als “sekundären Antisemitismus” bezeichnete; zweitens den linken Nationalismus, der für den Antiimperialismus eine wichtige Rolle spielt; und drittens den Ansatz, Antisemitismus als eine besondere Variante eines “personifizierten Antikapitalismus” zu verstehen. Während die ersten beiden Entwicklungsstränge heutzutage für den Antizionismus und die “Israelkritik” relevant sind, bezieht sich der dritte Ansatz auf das Verständnis von Arbeit, Kapital und Herrschaft.

Olaf Kistenmacher, (Hamburg) ist Historiker.
Publikationen:
‘Gerechtigkeit’ für Palästina? Die mediale Agitation der KPD gegen den “zionistischen Faschismus” während der Weimarer Republik, in: Alexandra Böhm/Antje Kley/Mark Schönleben (Hg.): Ethik – Anerkennung – Gerechtigkeit Philosophische, literarische und gesellschaftliche Perspektiven, München: Wilhelm Fink 2011, S. 369-380.
Vom “Judas” zum “Judenkapital”. Antisemitische Denkformen in der KPD der Weimarer Republik, 1919–1933, in: Matthias Brosch/ u. a. (Hg.): Exklusive Solidarität. Linker Antisemitismus in Deutschland. Vom Idealismus zur Antiglobalisierungsbewegung, Berlin: Metropol 2007, S. 69-86.

Quelle: www.asta.ms

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